Wie können agile Fortbildungen bei der Jobsuche helfen?

Diese Frage stellten wir uns bei der Scrum Academy bei unserer letzten (remote) Retrospektive, als wir uns überlegten, wie wir es schaffen können, die (Arbeits-)Welt humaner, produktiver und nachhaltiger gestalten zu können.

Als agiles Beratungsunternehmen und Betreiber der Agile Academy, einer Plattform, die agile Trainings und Inhouse Fortbildungen anbietet, ist es uns wichtig, dass unsere Teilnehmer ihr erlerntes Wissen im Unternehmen anwenden und so die Agile Transformation weiter vorantreiben.

Doch was ist mit den Teilnehmern, die gerade auf der Suche nach einem Job sind, oder die eines unserer Trainings für die berufliche Weiterbildung nutzen. Helfen wir mit dem aktuellen Angebot diesen Leuten? Was gibt es für Möglichkeiten, damit wir als Schulungsanbieter und Plattform dabei helfen können den viel zitierten Fachkräftemangel zu schließen? Worauf achten Unternehmen und Personaler überhaupt, wenn sie Einstellungen vornehmen und auf welche Soft oder Hard Skills kommt es überhaupt an in der Gegenwart und Zukunft?

Schnell wurde uns klar, dass wir auf diese Fragen alleine keine Antwort finden können. Daher haben wir uns auf die Suche nach Experten begeben, die uns vielleicht Antworten auf unsere Fragen geben können. Fündig sind wir heute bei Engfer Consulting geworden. Die Personalberatung mit Sitz in Köln war so nett sich unseren Fragen anzunehmen. 
Falls ihr euch fragt, wie wir zueinander gefunden haben, so spielte neben dem Kölner Klüngel, der auch während COVID-19 ganz gut funktioniert vor allem der Beitrag von Katharina Engfer auf LinkedIn eine Rolle, der uns davon überzeugt hat, Engfer Consulting um ein Interview zu bitten.

Scrum Academy:


Liebe Katharina, lieber Thilo, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für uns genommen habt um uns ein paar Fragen zu beantworten! Möchtet ihr euch und das Unternehmen vielleicht kurz vorstellen?

Engfer Consulting:

Liebe Helen, gern. Danke, dass wir gemeinsam dieses wichtige Thema einmal genauer betrachten.
Ich begegne als Personalberaterin immer wieder dem Thema Agilität, sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei unseren Talenten und Mandanten und freue mich auf das Gespräch.
Gemeinsam betreiben Thilo und ich Engfer Consulting, eine kleine Boutique Beratung op d´r Schäl Sick, also auf der “anderen” Rheinseite in Köln.  Wir und unser Team helfen bundesweit Unternehmen bei der Gewinnung von Fach- und Führungskräften im Bereich Corporate, IT, Engineering & Production.

Scrum Academy:


Wie du ja weißt, sind wir ein Schulungsanbieter für agile Weiterbildungen und Zertifizierungen. Daher ist unsere erste Frage an dich natürlich, ob ihr bei euch (oder in der Branche allgemein) seit März eine veränderte Nachfrage bzw. größere Nachfrage nach agilen Fähigkeiten feststellen konntet? 

Engfer Consulting:

Seit März hat sich die Nachfrage noch nicht verändert. Die Unternehmen, die auf Agilität setzen, suchen weiterhin entsprechend qualifizierte Talente. Firmen, die erst durch Corona den Mehrwert von agilem Arbeiten und modern work erkannt haben, sind jetzt damit beschäftigt dafür die nötigen Strukturen zu schaffen. Das Mindset wird sich sukzessive bei den Entscheidungstragenden verändern und neue Funktionen werden implementiert. Ich rechne da mit einer gesteigerten Nachfrage ab März 2021.  

Scrum Academy:

Das klingt herausfordernd. Glaubst du, dass ein Großteil der Unternehmen in Deutschland schon verstanden hat, was Agilität bzw. agile Werte überhaupt sind? Also, dass es eher eine Einstellung, ein Mindset ist, anstatt eine Arbeitsweise?

Engfer Consulting:

Ich denke, deutsche Unternehmen haben gerade keine Wahl, als spätestens jetzt digital zu werden. Das passiert aber ja eigentlich nicht freiwillig. COVID-19 beschleunigt die Unternehmenstransformationen, was aber dazu führt, dass sich ein agiles Mindset entwickeln wird. Wir haben unzählige Mandanten, die waren bislang noch nicht so weit, wurden aber durch die Corona Krise „gezwungen“ etwas zu ändern und sind nun positiv überrascht. Beispielsweise wird das verteufelte Home Office nun zum Lieblingsort für viele.

Scrum Academy:

Das kann ich mir vorstellen. Die remote Arbeit haben wir auch alle lieb gewonnen. Wenn sich Unternehmen an euch wenden um agile Positionen zu besetzen, was meint ihr, ist diesen Unternehmen besonders wichtig, wenn sie euch die Anforderungen für die Position bzw. den Bewerber mitgeben?

Engfer Consulting:

Oftmals sind es bestimmte Zertifikate und Weiterbildungen. Gerade weil das neue Themen sind, gibt es viele Unternehmen, die Scrum Ausbildungen etc. voraussetzen.

Hier ist es ja eher schwierig durch jahrzehntelange praktische Erfahrung zu überzeugen. Zudem fehlt vielen Unternehmen hier auch noch das Wissen, diese Erfahrung bewerten zu können.

Scrum Academy:

Ich denke, dass die Zertifizierungen hier eine zusätzliche Sicherheit geben können. Meint ihr, dass es durch die Pandemie schwieriger geworden ist seinen ersten Job zu bekommen? Was würdet ihr unseren Lesern raten, wenn sie frisch von der Uni kommen oder eine Ausbildung abgeschlossen haben und nun eine (agile) Stelle suchen?

Engfer Consulting:

Es ist überhaupt nicht schwierig an einen Job zu kommen, weder als Einsteiger*in oder mit praktischer Erfahrung, wir haben hier nach wie vor einen regen Bewerbermarkt, auch während der Corona Pandemie.

Scrum Academy:

Praxiserfahrung ist den meisten Arbeitgebern sehr wichtig. Ein Einstieg in das Berufsleben fällt vor allem Quereinsteigern oftmals nicht so einfach. Hast du hier einen Tipp an deine “Kollegen” in den Personalabteilungen der Unternehmen? Ich erinnere mich da an einen weiteren Post von dir, wo du von realistischen Chancen und einer ehrlichen Markteinschätzung von beiden Parteien sprichst.

Engfer Consulting:

Hier ist die Herausforderung, dass das Wunschprofil von Unternehmen so in der Praxis meistens gar nicht existiert. Um es ganz klar zu sagen, manche Kombinationen gibt es nicht. Es ist unmöglich diesen Menschen zu finden. Super jung und super Experte? Wie soll das gehen.

Es ist aber nicht nur die falsche Vorstellung, wer eine Position besetzen soll. Tatsächlich sind die wenigstens Unternehmen divers aufgestellt. So wie agiles Arbeiten verurteilt oder abgelehnt wird, gibt es auch hier oft eine altmodische Denke mit Vorurteilen.

Scrum Academy:

Vielleicht ändert sich ja auch dies in der kommenden Zeit. Zu wünschen wäre es den Unternehmen.
Bei unserer letzten Retro, als es darum ging ob wir in Zukunft auch Online Kurse anbieten wollen, haben wir uns recht lange mit der Frage beschäftigt, ob und inwieweit diese Angebotserweiterung für die Teilnehmer zielführend ist. Am Ende kamen wir für uns zu dem Entschluss, dass wir mit den Kursen Leute erreichen können, die nicht das Geld oder die Zeit für ein zwei- oder dreitägiges Training haben.
Wie steht ihr als Personalberatung zu dieser Art von Online Kursen? Achten Unternehmen und Personalberater auf solche außerdienstlichen, meist intrinsisch motivierten Anstrengungen? 

Engfer Consulting:

Da aktuell ohnehin alles online abläuft trefft ihr hier den Zahn der Zeit. Viele werden auf online Trainings umstellen, top, dass ihr schon dabei seid.
Wie ich eben sagte, Weiterbildung ist richtig und wichtig, solange die Themen auch etwas mit der fachlichen Ausrichtung des Talentes zu tun haben, bzw. mit dem Themenfeld, in dem man gerne arbeiten möchte.

Wir hatten neulich eine Bewerbung, in der über 30 komplett unterschiedliche Kurse zur Weiterbildung aufgeführt wurden. Das ist nicht zielführend.

Scrum Academy:

Das wirkt dann vermutlich eher wie jemand, der seine Passion noch nicht gefunden hat 😉
Lass uns nochmal auf das Posting selbst zurückzukommen. Ich fand deine Aussagen zur vielzitierten “Eierlegenden Wollmilchsau” und dem “perfekten Bewerber” bzw. den am liebsten “vorhandenen Fähigkeiten” sehr spannend und vor allem ehrlich. 
Die agilen Werte des Scrum Guide fordern: “Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge” sowie “Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans”. Wie agil sind also deiner Meinung nach Unternehmen, die “fertige” Mitarbeiter suchen? Ist das nicht ein Trugschluss, dass man jemanden sucht, der von sich meint, dass er schon alles kann, man aber gleichzeitig Leute sucht, die Veränderungen offen gegenüberstehen? Wie finden Unternehmen und Bewerber hier zusammen?

Engfer Consulting:

Das hängt von der Rolle ab. Wofür wird jemand ins Unternehmen geholt? Wer ist das Team? Was ist das Ziel?
Der Plan muss doch sein, jemanden, der/die extrem gut ist für diesen Job zu gewinnen und dieses Talent auch weiterhin zu fördern. Immer weiter. Weiterentwicklung sollte ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur sein. Dass die eierlegende Wollmilchsau gesucht wird, ja aktuell noch so. – Aber auch das Mindset wird sich ändern. Nicht jetzt sofort und wahrscheinlich auch nicht bei allen Unternehmen. Aber ich erlebe viele Firmen, die genau jetzt den Rückenwind mitnehmen und Veränderungen vorantreiben. Komplette Unternehmenskulturen verändern sich und werden agil.

Scrum Academy:

Es wäre den Unternehmen ja wirklich zu wünschen, dass sie es schaffen mit der Zeit zu gehen und sich zu verändern. Als Unternehmen muss bzw. kann man aus einer Vielzahl an Fortbildungen, Zertifizierungen und EAP Programmen für seine Angestellten wählen. Ich habe bei uns zum Beispiel einen jährlichen Betrag, den ich für Fortbildungen oder Konferenzen nutzen darf. Bei meinen alten Arbeitgebern hatte ich zwar keinen Budgetrahmen, durfte aber auf nahezu alle Konferenzen und Events, die ich in Vorstellungsgesprächen gefordert hatte. Achten die Bewerber, die ihr kennenlernt auf so etwas? Wird oft nach Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Bewerbungsprozess gefragt?

Engfer Consulting:

Menschen, die sich bei uns intern bewerben erfragen genau das. Wie sieht es aus mit Weiterbildung und nehmen diese Angebote auch gerne an. Es ist ja so, jede*r Mitarbeitende hat ein Recht auf Zeit für Weiterbildung. Viele fordern es nur nicht ein oder wissen das nicht.

Bei Talenten, die wir ins Gespräch mit Unternehmen bringen, lautet die Frage häufig, welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es und dazu gehören vielfach dann auch Optionen wie virtual learning, oder flexible Arbeitszeiten um sich fortzubilden, oder viele unterstützen Qualifikationsmaßnahmen auch finanziell.

Scrum Academy:

Ihr sagt auf eurer Seite, dass ihr als Unternehmen und Individuen “offen, empathisch und menschlich” seid. Unser Leitsatz beinhaltet, dass wir die Arbeitswelt “produktiver, humaner und nachhaltiger” machen wollen. Was glaubst du, wie wichtig ist es, dass Unternehmen immer mehr auf solche Leitsätze setzen und vor allem diese dann auch befolgen? Ich habe letztens auf Twitter den Satz gelesen: “Good Leaders have Vision. Great Leaders have Values”. Wie wichtig sind Werte in der heutigen Arbeitswelt?

Engfer Consulting:

Ein Unternehmen ohne Werte, – gibt es das? Selbst wenn es ein Wertesystem ist, dass wir beide jetzt wahrscheinlich nicht feiern würden.
Es ist elementar Werte zu schaffen und zu leben, mit denen sich die Breite der Belegschaft identifiziert und vor allem von denen jede*r profitieren kann.
Gerade „die jungen Leute“ lockst du nicht mehr nur über die Kohle.…

Scrum Academy:

Vermutlich kommt es auch hier mehr und mehr auf “softe” und harte Faktoren an bei der Jobwahl.
Wir geben den Teilnehmern unserer Agile Leadership Trainings gerne diese Definition einer agilen Organisation mit: “Agile Organisationen benötigen eine agile Führung, um Unternehmenswerte auszurichten sowie Richtlinien und Metriken um Organisationsstrukturen auf- oder abzubauen”.
Auf deutsch klingt es ein bisschen behäbiger, aber wir nennen dies auch den “Inside-Out” Ansatz, der auf den Werten des Unternehmens aufbaut und dann ggfs. die Strukturen und Prozesse anpasst, damit das Unternehmen nachhaltig erfolgreich und innovativ bleiben kann. Dadurch ist das so genannte “Catalyst Leadership” also die Offenheit der Führungskräfte für neue Methoden ein Fokusthema bei uns. Wie offen sind Führungskräfte mittlerweile für Innovationen im Bereich der Führung? Gibt es eine Tendenz zur agilen Führung oder überwiegt noch die klassische Führung, die gerne mal Gefahr läuft dem  Dunning-Kruger-Effekt zum Opfer zu fallen?

Engfer Consulting:

Pauschal will ich das nicht beantworten. Was auffällt: Es liegt an den Unternehmen, Stichwort Unternehmenskultur.
Wenn Führungskräfte keine Chance erhalten Agilität vorzuleben, heißt das ja nicht, dass hier die freie Entscheidung zur klassischen Führung vorliegt.
Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die sich selbst komplett überfordern, weil es vor lauter Agilität keinen Rahmen mehr gibt.
Wer agil arbeiten will, sollte sich gezielt schlau machen, ob Unternehmen das (an)bieten können.

Scrum Academy:

Was glaubt ihr, brauchen Unternehmen heutzutage und in Zukunft um attraktiv für Bewerber zu sein und worauf müssen Bewerber in Zukunft besser achten, wenn sie sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten wollen? Gibt es Unterschiede für Einsteiger und Berufserfahrene oder kleine und große Unternehmen? OK, sorry, das sind 4 Fragen 😊

Engfer Consulting:

Viele Unternehmen machen es schon ganz gut und investieren in Employer Branding. Andere denken immer noch, Talente sind Bittstellende. Die haben es immer schwerer.
Ein Tipp für Menschen, die sich beruflich verändern möchten: Stell dir die die Frage, passt das Unternehmen zu mir? Sehe ich mich da mittel- und langfristig. Kann ich mich mit den Werten und der Philosophie identifizieren?

Scrum Academy:

Gibt es einen Kunden bei euch, der euch seit März überrascht hat? Und wenn ja wie?

Engfer Consulting:

Tatsächlich mehrere. Home Office war ausgeschlossen. Jetzt wird es Teil der Betriebsvereinbarung.
Oder auch andersrum, es gibt Unternehmen, die keine mobile Infrastruktur für Home Office haben. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Aber da müssen ganze Abteilungen im Büro antanzen.

Scrum Academy:

Glaubt ihr, dass Unternehmen die eine agile Rolle besetzen wollen (unabhängig ob Scrum MasterProduct Owner, Agile Leader, Agile Coach oder Scrum Team Developer) immer wissen, was diese Rolle im speziellen ausmacht und welche Fähigkeiten die Person mitbringen sollte um erfolgreich im Unternehmen zu sein?

Engfer Consulting:

Ich bin mir ganz sicher, dass die meisten es nicht wissen. Das sieht eher so aus, hmmm, wir brauchen da so eine moderne Rolle, nennen wir es xy und dieser Mensch verändert alles und dann wird alles besser.
Aber das hat man auch bei anderen Positionen und dafür gibt es dann zum Beispiel Personalberatungen wie Engfer Consulting, die helfen den eigentlichen Bedarf zu identifizieren und dem Kind den „richtigen“ Namen zu geben. 

Bislang sind Scrum Master, Product Owner, Agile Leader, Agile Coach oder Scrum Team Developer Böhmische Dörfer bei den meisten Unternehmen oder werden redundant genutzt.

Scrum Academy:

Abschließend noch eine Frage: Die Agile Academy ist ja eine Plattform, die aktuell Trainings in Europa, Amerika, dem Nahen Osten und Australien anbietet. – Was glaubst du, ist dieses Interview genauso relevant für die Leser aus Großbritannien oder den USA? Kennst du signifikante Unterschiede bei der Bewerbersuche in anderen Ländern? Wird auf etwas mehr oder weniger geachtet?

Engfer Consulting:

Ich denke das Interview ist für den deutschen Markt relevant. Hier fehlt größtenteils das Verständnis für moderne Ansätze in der Arbeitswelt, andere Länder sind da deutlich weiter und Vorbilder.

Scrum Academy:

Ich bin gespannt, wie sich die Unterschiede in Zukunft entwickeln werden. Schließlich kann COVID-19 gerade für große Unternehmen eine riesige Chance sein. Vielen Dank für die spannenden Antworten und das tolle Interview! Dem interessierten Leser empfehle ich natürlich noch einen Blick in eure Stellenangebote, freue mich ansonsten aber auf deine Weiteren Postings und die gute Arbeit, die ihr macht!

Engfer Consulting:
Vielen Dank für die Einladung und es hat uns wirklich Spaß gemacht.